<h3>Gefängnisseelsorgerin Schwimbersky: Alltagswelt sichtbar machen – Bischöfin Richter: Kochen gibt Stück Selbstwirksamkeit zurück</h3>
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<p>Wien (epdÖ) Zum Kochen im Gefängnis braucht es vor allem eines: Kreativität – bei Zutaten ebenso wie bei Küchengeräten. Da wird schon mal die Filtermaschine zum Toaster oder zur Grillplatte für Berner Würstel. Selbst die Glasur für das Häfn-Tiramisu schmilzt dort. Unter dem Titel „Taste of Prison“ versammelt das ganz andere Kochbuch Rezepte aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Herausgeben wurde das Buch, das neben Rezepten zugleich auch ein Gesellschaftsporträt aus Österreichs größtem Gefängnis bietet, von der evangelisch-lutherischen Bischöfin Cornelia Richter und der evangelischen Gefängnisseelsorgerin Daniela Schwimbersky im Auftrag der Evangelischen Kirche A.u.H.B. in Österreich. Am Dienstagabend, 20. Oktober, konnte Schwimbersky das Kochbuch vor zahlreichen Gästen im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts präsentieren.</p>
<p>Die Idee zum Kochbuch stammte von einem Insassen, erzählt die Gefängnisseelsorgerin. Bei einem Gespräch am Gang vor seinem Haftraum – es duftete nach warmen Paradeisern und gebratenem Paprika – entstand der Wunsch, die eigenen Rezepte weiterzugeben. Aus ein paar kopierten Zetteln wurde über vier Jahre hinweg ein Buch, an dem Inhaftierte, Justizwachebeamt:innen und die Gefängnisseelsorge mitgearbeitet haben.</p>
<div id="attachment_216908" class="wp-caption alignnone landscape size400x276"><div class="post-image"><img decoding="async" src="https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d…; srcset="https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 2000w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 400w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 1400w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 220w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 768w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison2_c_d… 1536w"
sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" /></div><p class="wp-caption-text">Kochplatten haben nur wenige Inhaftierte zur Verfügung. Aber mit einiger Kreativität kann die Kaffeemaschine auch toasten und braten. (Foto: Daniel Domig)</p></div>
<p>Zwischen den Rezepten erzählen Autor:innen in Haft anonym und im O-Ton von ihrem Alltag: vom Einkauf über die Ausspeisliste, vom Würzen mit Pfefferkörnern, die vorher aus der Suppe gesammelt wurden, von selbstgemachten Pflegeprodukten wie dem Peeling aus Kaffeesud, Olivenöl und Honig und von der Kochgruppe im Maßnahmenvollzug. Justizwache und Seelsorge ergänzen ihre Perspektiven. Die Fotografien von Daniel Domig führen bis in die Hafträume.</p>
<p>Aber warum kochen Häftlinge überhaupt? Kochen hat auch viel mit Resilienz zu tun, erklärt Bischöfin Cornelia Richter in dem Buch. Wer in Haft ist, verliert jeden Spielraum äußerer Autonomie. Genau die ist aber ein zentraler Faktor, um Krisen zu bewältigen. „Kochen gibt ein Stück Selbstwirksamkeit zurück“, ist Richter überzeugt. „Etwas Gutes zu kochen, das einem selbst und vielleicht auch den anderen schmeckt, ist ein Erfolg, in dem sich viele Resilienzfaktoren abbilden“, bekräftigt die Bischöfin. Gerade in einer Gemeinschaftsküche lerne man auch, sich in andere hinein zu versetzen und deren Bedürfnisse wahrzunehmen. „Schon die Entscheidung, was man kochen möchte, ist ein kleiner Schritt in die Autonomie des Alltagslebens“, so Richter.</p>
<div id="attachment_216914" class="wp-caption alignnone landscape size400x276"><div class="post-image"><img decoding="async" src="https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp…; srcset="https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 2000w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 400w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 1400w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 220w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 768w, https://evang.at/wp-content/uploads/2026/10/261020_taste_of_prison_dopp… 1536w"
sizes="(max-width: 2000px) 100vw, 2000px" /></div><p class="wp-caption-text">Froh über das ungewöhnliche Buchprojekt: (hinten v.l.n.r.) Bezirksvorsteher Martin Fabisch, Leiterin der JA Josefstadt Krista Schipper, Gefängnisseelsorgerin Daniela Schwimbersky, (vorne v.l.n.r.:) Superintendent Matthias Geist, Präsident des Landesgerichts für Strafsachen Wien Friedrich Forsthuber, Fotograf und Grafiker Daniel Domig, katholischer Gefängnisseelsorger Jonathan Werner. (Foto: B. Dopplinger)</p></div>
<p>„Taste of Prison“ wolle die Alltagswelt im Gefängnis sichtbar machen und zugleich die Frage stellen, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, die wieder Teil von ihr werden sollen, sagt Daniela Schwimbersky. „Strafvollzug ist eine eigene Welt“, meinte die Leiterin der Justizanstalt Josefstadt, Krista Schipper, bei der Präsentation. Ohne kompetente Mitarbeiter:innen wäre die Betreuung unter den jetzigen Rahmenbedingungen „undenkbar, das hätten wir uns in den schlimmsten Träumen nicht vorgestellt“. Das Team gehe täglich an Grenzen, wenn der Belag nicht „deutlich“ reduziert werde, „werden die Leute auf allen Ebenen sukzessive ausbrennen“. Auf die untragbaren Rahmenbedingungen wies auch Friedrich Forsthuber, Präsident des Landesgerichts Wien, hin. Rund 800 Plätze stehen etwa in der Justizanstalt Josefstadt zur Verfügung, derzeit sind 1150 Personen dort untergebracht. „Gefängnisse sollten keine Verliese sein, wo man Leute nur mehr verwahrt“, unterstrich Forsthuber. Räumliche ebenso wie personelle Ressourcen würden dringend benötigt, um eine „menschliche Betreuung“ sicherzustellen. Die Qualität einer Gesellschaft sei darin zu erkennen, wie sie mit „den Schwächsten“ umgeht, betonte Bezirksvorsteher Martin Fabisch, der vor einiger Zeit bei einem Besuch die Situation in der Justizanstalt kennenlernen konnte. Natürlich gehe es um Strafvollzug, aber auch um Menschenwürde. Der Wiener Superintendent Matthias Geist, über viele Jahre selber in der Gefängnisseelsorge tätig, hob den hohen Wert dieses Seelsorgebereiches hervor, der schon seit vielen Jahrzehnten von der Evangelischen Kirche wahrgenommen werde. Dankbar zeigte sich Geist, dass die Gefängnisseelsorge in der Justizanstalt Josefstadt nun in intensiver Kooperation ökumenisch wahrgenommen werde.</p>
<p>Das 176 Seiten und viele Farbabbildungen umfassende Buch ist im Handel zum Preis von 24,50 Euro erhältlich. Mit dem Kauf des Buches werden Sprachlernangebote für Inhaftierte sowie der Verein StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt unterstützt.</p>
<div class="infobox"><p>Daniela Schwimbersky, Cornelia Richter (Hg.): Taste of Prison – Rezepte und Geschichten aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt.<br />
Verlag Ferdinand Berger & Söhne, Horn 2026. 176 Seiten. ISBN 978-3-99137-123-6. € 24,50.</p></div>